«Ein Bewerbungsgespräch ist keine Einbahnstrasse – warum Unternehmen auch überzeugen müssen»
Ein Bewerbungsgespräch ist keine Einbahnstrasse. Es ist ein gegenseitiges Kennenlernen auf Augenhöhe. Doch was passiert, wenn Vertreter eines Unternehmens nur über das Business erzählen, aber kaum etwas über den Menschen erfahren möchten, der ihnen gegenübersitzt?
Diese Woche durfte ich eine erfahrene Führungsperson mit Hochschulabschluss bei seiner beruflichen Neuorientierung begleiten. Am Montag erzählte er mir voller Stolz und Vorfreude, dass er für den kommenden Mittwoch zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch bei einem potenziellen Arbeitgeber eingeladen worden war.
Im Rahmen unseres Coachings bereiteten wir uns intensiv auf dieses Gespräch vor. Wir übten typische Interviewsequenzen, reflektierten seine Kompetenzen und besprachen mögliche Fragen. Nach rund einer Stunde verliess er mein Büro mit viel Energie, Zuversicht und einer positiven Erwartungshaltung.
Am Mittwochnachmittag erhielt ich einen Anruf von ihm. Seine erste Frage überraschte mich: «Ist es tatsächlich möglich, dass mir während eines Bewerbungsgesprächs keine einzige Frage zu meiner Person oder Persönlichkeit gestellt wird?»
Etwas irritiert fragte ich nach, wie das Gespräch denn abgelaufen sei. Er berichtete, dass sich das Unternehmen ausführlich vorgestellt habe. Die beiden anwesenden Führungspersönlichkeiten hätten die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens detailliert erläutert. Sogar ein Werbefilm über das Produkt sei gezeigt worden. Das Unternehmen hatte offensichtlich viel zu erzählen, allerdings schien das Interesse an seinem Gegenüber eher gering zu sein.
Ich fragte ihn, ob ihm denn Fragen zu seinem bisherigen Werdegang, seinen Kompetenzen, seiner Motivation oder seinen beruflichen Vorstellungen gestellt worden seien. Seine Antwort war ernüchternd: Nein.
Ehrlich gesagt war ich in diesem Moment selbst etwas ratlos. Dennoch gab ich ihm einen Gedanken mit auf den Weg: Er solle sich überlegen, ob er sich eine Tätigkeit in diesem Unternehmen vorstellen könne und ob ihn die präsentierten Produkte und Dienstleistungen tatsächlich ansprechen würden.
Wenn der Bewerbende plötzlich selbst beweisen soll, weshalb er interessant ist
Am darauffolgenden Tag leitete mir mein Coachee eine E-Mail einer der beiden Führungskräfte weiter. Darin wurde er aufgefordert, schriftlich darzulegen, welche Kompetenzen er in die Branche einbringe und weshalb das Unternehmen ihn einstellen sollte.
Mein Coachee war zunehmend verunsichert. Seine Frage an mich lautete sinngemäss: «Sind das nicht genau die Fragen, die man mir bereits im Vorstellungsgespräch hätte stellen sollen?» Meine Antwort war klar: Ja, genau dafür ist ein professionell geführtes Bewerbungsinterview da.
Ein strukturiertes und wertschätzendes Bewerbungsgespräch sollte weit mehr sein als eine Unternehmenspräsentation oder eine einseitige Informationsveranstaltung. Natürlich darf und soll sich ein Unternehmen vorstellen. Schliesslich möchten auch Bewerbende wissen, mit wem sie es zu tun haben, welche Produkte und Dienstleistungen angeboten werden und welche Werte das Unternehmen vertritt. Doch ein Bewerbungsgespräch ist keine Verkaufsveranstaltung. Es geht darum, einander kennenzulernen und herauszufinden, ob eine Zusammenarbeit für beide Seiten erfolgversprechend sein könnte. Dazu gehören Fragen zur fachlichen Qualifikation ebenso wie zur Persönlichkeit, zur Motivation, zum Werteverständnis, zu den beruflichen Zielen und zur persönlichen Passung mit der Unternehmenskultur. Gleichzeitig sollte auch der Kandidat ausreichend Gelegenheit erhalten, Fragen zu stellen, Erwartungen zu formulieren und sich ein eigenes Bild vom potenziellen Arbeitgeber zu machen. Ein gutes Bewerbungsgespräch ist deshalb immer ein Dialog und niemals ein Monolog.
Der erste Eindruck entsteht auf beiden Seiten
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht traf mein Coachee eine klare Entscheidung: Er zog seine Bewerbung zurück.
Das Unternehmen zeigte sich darüber erstaunt. Aus Sicht der beiden Führungskräfte war er ein sehr valabler Kandidat, mit dem sie gerne in eine weitere Interviewrunde gegangen wären. Entsprechend wollten sie wissen, weshalb er sich gegen eine Fortsetzung des Bewerbungsprozesses entschieden hatte. Für meinen Coachee war die Antwort längst klar: Er konnte sich nicht mehr vorstellen, in diesem Unternehmen zu arbeiten.
Was mich an dieser Geschichte besonders beschäftigt, ist die Tatsache, dass das Unternehmen offenbar einen geeigneten Kandidaten gefunden hatte, sich aber gleichzeitig die Chance nahm, diesen Menschen wirklich kennenzulernen. Denn auch Unternehmen hinterlassen im Bewerbungsgespräch einen Eindruck. Nicht nur durch ihre Produkte, ihre Dienstleistungen oder ihre Marktposition, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie sie Menschen begegnen. Wie aufmerksam wird zugehört? Welche Fragen werden gestellt? Wie viel Raum erhält das Gegenüber? Wird echtes Interesse gezeigt? Und entsteht das Gefühl, als Mensch und potenzieller Mitarbeitender wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden? All diese Faktoren beeinflussen, ob sich eine Kandidatin oder ein Kandidat eine Zusammenarbeit vorstellen kann.
Bewerbungsinterviews sind keine Einbahnstrasse
In Zeiten, in denen Unternehmen qualifizierte Mitarbeitende gewinnen und langfristig halten möchten, sollte ein professioneller Bewerbungsprozess selbstverständlich sein. Dabei geht es nicht darum, Bewerbenden möglichst viele Fragen zu stellen oder ein Interview nach einem starren Schema abzuhalten. Vielmehr geht es um eine offene, strukturierte und wertschätzende Gesprächsführung, die beiden Seiten ermöglicht, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Denn nicht nur das Unternehmen entscheidet, ob eine Person ins Team passt. Auch die Bewerbenden entscheiden, ob ein Unternehmen zu ihnen, ihren Vorstellungen und ihren beruflichen Werten passt. Einseitig geführte Interviews können deshalb eine verpasste Chance sein. Sie vermitteln möglicherweise unbeabsichtigt den Eindruck, dass das Unternehmen zwar an den Kompetenzen einer Person interessiert ist, nicht aber an deren Persönlichkeit, Erwartungen und Bedürfnissen. Wer gute Mitarbeitende gewinnen möchte, sollte ihnen nicht nur erklären, weshalb das Unternehmen attraktiv ist. Er sollte ihnen auch zeigen, dass echtes Interesse an ihnen besteht.
Mein Fazit
Ein Bewerbungsprozess ist ein gegenseitiges Kennenlernen auf Augenhöhe. Beide Parteien investieren Zeit, zeigen Interesse und prüfen, ob die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gegeben sind. Wenn dieses gegenseitige Interesse bereits im ersten persönlichen Gespräch nicht erkennbar ist, sollten Bewerbende durchaus innehalten und sich fragen, ob dieses Unternehmen tatsächlich der richtige Arbeitgeber für sie ist. Denn der erste Eindruck entsteht nicht erst am ersten Arbeitstag. Er entsteht bereits im ersten Bewerbungsgespräch.
Und noch eine erfreuliche Nachricht zum Schluss: Mein Coachee hat inzwischen eine neue berufliche Herausforderung gefunden. Im Januar wird er dort voller Energie, Motivation und grosser Vorfreude starten.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Geschichte: Manchmal ist ein zurückgezogenes Bewerbungsgesuch kein verpasster Karriereschritt, sondern der erste Schritt in die richtige Richtung.